Wie aus virtuellen Bildern ein echtes Erlebnis wurde
Ein multisensorischer Themennachmittag im Haus der Senioren Ottobrunn zeigte, wie senior-vision e.V. aus VR-Erlebnissen tragfähige Begegnungsformate entwickelt
Am Samstag, 20. Juni 2026, wurde das Gartenzimmer im Haus der Senioren Ottobrunn für einen Nachmittag zu einem kleinen Stück Griechenland. Nicht durch große Kulissen, sondern durch etwas, das in der Arbeit mit Seniorinnen und Senioren oft entscheidender ist: Atmosphäre, Vertrautheit, sorgfältige Vorbereitung und ein Format, das mehrere Sinne zugleich anspricht.
Bereits beim Ankommen im Haus wurden die Gäste von griechischer Musik und den ersten Gerüchen aus der Küche empfangen. Im Gartenzimmer warteten gedeckte Tische, Wasserkrüge, Brotkörbe und mediterran angerichtete Speisen. Draußen lag große Sommerhitze über Ottobrunn, drinnen war der Raum angenehm vorbereitet und teilweise abgedunkelt. Trotz des heißen Wetters war die Veranstaltung vollständig ausgebucht. Die 30 Plätze im Gartenzimmer waren belegt; gemeinsam mit den Vertreterinnen und Vertretern von senior-vision e.V., RETLA e.V. und der Gastgeberin Ingeburg Date nahmen insgesamt 35 Personen teil.
Der Themennachmittag „Griechenland“ war bereits seit mehreren Monaten im Veranstaltungskalender des Hauses der Senioren sowie bei senior-vision e.V. angekündigt. Schon früh war klar: Das Interesse ist groß. Es gab eine Nachrückerliste.
Ein Haus der Begegnung als passender Rahmen
Gastgeberin des Nachmittags war Ingeburg Date, Leiterin des Hauses der Senioren in Ottobrunn. Sie empfing die Gäste, begleitete die Vertreterinnen von RETLA e.V. und eröffnete die Veranstaltung offiziell im Gartenzimmer. Das Haus der Senioren ist ein vertrauter Ort der Begegnung. Gerade deshalb passte der Rahmen zu einem Format, das nicht auf Vorführung, sondern auf gemeinsames Erleben ausgerichtet ist.
Für senior-vision e.V. waren Klaus Martin Hecht und Alexander Salvatore Eggersberger vor Ort. Beide übernahmen Vorbereitung, kulinarische Begleitung, Service, technische Betreuung und die ruhige Einführung in die virtuelle Reise. Die Abläufe waren eingespielt: Während das Haus der Senioren den vertrauten Rahmen der Begegnungsstätte bereitstellte, übernahm senior-vision e.V. den gesamten kulinarischen und technischen Teil des Nachmittags.
Das war bewusst so angelegt. Die Gäste sollten nicht durch viel Betrieb zwischen den Tischen gestört werden. Der Nachmittag sollte ruhig beginnen, sich organisch entwickeln und den Seniorinnen und Senioren Raum geben, selbst in Gespräche, Erinnerungen und Eindrücke hineinzufinden.
Griechenland mit allen Sinnen
Auf den Tischen standen mediterran-griechisch inspirierte Vorspeisenplatten mit mariniertem Gemüse, Oliven, Artischocken, getrockneten Tomaten, Käse, Brot und selbst gemachtem Tzatziki. Später folgten warme Speisen wie Gyros, Grillkäse, Hackfleischsticks und Gemüse. Zum Abschluss gab es griechischen Joghurt mit Honig und Nussraspeln, dazu Kaffee und alkoholfreie Getränke. Wegen der großen Hitze griffen die meisten Gäste vor allem zu Wasser.
Der kulinarische Teil war mehr als Begleitung. Er war Teil des Formats. Viele Gäste kochen oder kochten selbst gerne und erkannten sofort, wie viel Vorbereitung, Sorgfalt und Erfahrung in den Speisen steckte. Es entstanden Gespräche über Kräuter, Gewürze, Marinaden und Rezepte. Auch dadurch wurde der Nachmittag zu einem Begegnungsraum.
Verwendet wurden frische Zutaten, Kräuter und Gewürze, die den Charakter einer leichten mediterranen Küche aufgriffen. Gerade diese Verbindung aus Geschmack, Geruch, Musik und Gespräch bereitete den Boden für die spätere virtuelle Reise.
Von Athen zur Akropolis
Für den virtuellen Teil hatte senior-vision e.V. drei kuratierte 360°-Aufnahmen aus Griechenland, Athen und von der Akropolis vorbereitet. Die Auswahl folgte einer klaren Dramaturgie: Zunächst ging es durch das städtische Athen, dann weiter zu bekannten touristischen und historischen Orten rund um Akropolis und Parthenon, schließlich zu atmosphärischen Eindrücken mit Blick über das abendliche Athen.
Diese Reihenfolge war bewusst gewählt. Es ging nicht darum, drei beliebige Filme zu zeigen, sondern eine kleine virtuelle Reise entstehen zu lassen: vom Ankommen in der Stadt über die bekannten Stätten bis hin zu einem ruhigen Blick über Athen.
Acht passive VR-Brillen mit Smartphones waren vorbereitet, sechs kamen zum Einsatz. An jedem Tisch war mindestens eine Brille vorhanden. Die Geräte wurden ruhig weitergereicht. Einige Gäste betrachteten einzelne Sequenzen länger, andere machten Sitznachbarinnen und Sitznachbarn auf Details aufmerksam: nach links schauen, nach oben sehen, sich umdrehen, noch einmal genauer hinschauen.
Viele Teilnehmende kannten die VR-Formate bereits aus früheren Veranstaltungen. Dadurch entstand eine besondere Dynamik: Gäste erklärten anderen Gästen, wie die Brille eingestellt wird und wie man sich in den 360°-Aufnahmen orientiert. Die Technik trat in den Hintergrund. Sie war nicht Selbstzweck, sondern öffnete einen Raum für Entdeckung, Erinnerung und Gespräch.
Kein Vortrag, sondern ein gemeinsames Erinnern
Die Akropolis wurde an diesem Nachmittag nicht durch einen längeren Vortrag erklärt. Es gab eine kurze Einführung, Sicherheitshinweise und eine ruhige Anmoderation. Danach trugen die Gäste selbst das Erlebnis weiter.
Viele waren bereits in Griechenland gewesen. Einige kannten Athen und die Akropolis aus früheren Reisen. Andere brachten geschichtliches oder architektonisches Wissen ein. An einzelnen Tischen entstanden kleine Reisegruppen im besten Sinn: Wer etwas erkannte, erzählte; wer etwas wusste, erklärte; wer staunte, zog andere mit hinein.
Eine Besucherin, die erst am Vortag aus Athen zurückgekehrt war, erkannte die Eindrücke unmittelbar wieder. Sie beschrieb spontan, dass es wirke, als sei man wirklich vor Ort.
Eine andere Teilnehmerin erinnerte sich durch die Bilder an eine mehr als 20 Jahre zurückliegende Bildungsreise. Details früherer Führungen, lange nicht mehr präsent, kamen wieder ins Bewusstsein. Aus einer Betrachterin wurde für einige Minuten selbst eine Erzählerin, die anderen am Tisch ihre Erinnerungen und ihr Wissen näherbrachte.
Auch ein älteres Ehepaar fand sich in der virtuellen Reise wieder. Die beiden erinnerten sich an eine frühere Athen-Reise, bei der sie nicht direkt zu den Sehenswürdigkeiten gebracht worden waren, sondern sich aus der historischen Stadt heraus zur Akropolis bewegt hatten. Eine solche Reise wäre heute körperlich kaum noch vorstellbar. Umso stärker war der Eindruck, auf diesem Weg noch einmal dorthin zurückkehren zu können.
Gerade diese leisen Momente zeigten die eigentliche Wirkung des Formats. Es ging nicht nur um Unterhaltung. Die virtuellen Bilder lösten Erinnerungen aus, öffneten Gespräche und machten persönliche Lebensgeschichte wieder zugänglich.
„Deutlich mehr als eine Vorführung“
Ingeburg Date brachte diesen Ansatz nach dem Nachmittag auf den Punkt:
„Mit senior-vision e.V. können wir auch mit Seniorinnen und Senioren auf Reisen gehen, für die eine solche Reise real nicht mehr oder nur noch schwer möglich wäre. Die Verbindung aus immersiven Bildern, Musik, Geschmack, Gerüchen und gemeinsamer Erinnerung macht aus einem Nachmittag mehr als eine Vorführung – sie wird zu einem echten Erlebnis.“
— Ingeburg Date, Leiterin des Hauses der Senioren in Ottobrunn —
Frau Date beschrieb damit genau das, was an diesem Nachmittag sichtbar wurde. Eine reale Reise lässt sich durch ein VR-Erlebnis nicht ersetzen. Aber es kann Menschen, für die Flugreise, lange Wege, Hitze oder Besichtigungen heute nicht mehr ohne Weiteres möglich sind, einen anderen Zugang eröffnen: bequem, sicher und gemeinsam in einer vertrauten Umgebung.
Das Entscheidende war dabei nicht die VR-Brille allein. Es war das Zusammenspiel: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Spüren, Erinnern und Erzählen. Erst dadurch wurde aus virtuellen Bildern ein gemeinsames Erlebnis.
RETLA e.V. begleitete den Nachmittag vor Ort
Mit Sabine Daubitzer und Harriet Austen waren zwei Vertreterinnen von RETLA e.V. persönlich vor Ort. Sabine Daubitzer stellte den Förderverein den Gästen kurz vor und ordnete die Begleitung des Nachmittags ein. Harriet Austen übernahm die redaktionelle Dokumentation.
RETLA e.V. war auf senior-vision e.V. durch die bisherige öffentliche Berichterstattung aufmerksam geworden, unter anderem durch frühere Medienberichte über die Initiative. Der Besuch im Haus der Senioren bot nun die Möglichkeit, ein Format nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern in seiner praktischen Wirkung zu erleben.
Harriet Austen beschrieb die Verbindung zur Arbeit von RETLA e.V. so:
„Der Verein RETLA e.V. setzt sich für Teilhabe und Lebensfreude im Alter ein. Deshalb unterstützen wir gerne Projekte, die Seniorinnen und Senioren aus ihrer Einsamkeit und Isolation herausholen, ihnen Austausch und Begegnung ermöglichen – und sie sogar digital um die Welt reisen lassen.“
— Harriet Austen, RETLA e.V. —
Damit ordnete RETLA e.V. den Nachmittag nicht nur als einzelne Veranstaltung ein, sondern stellte ihn in einen größeren Zusammenhang: Es ging um Teilhabe, Lebensfreude, Begegnung und darum, Seniorinnen und Senioren neue Zugänge zu Erlebnissen zu eröffnen, die im Alltag oder aufgrund eingeschränkter Mobilität nicht mehr selbstverständlich sind.
Ergänzend dazu beschrieb Sabine Daubitzer ihren unmittelbaren Eindruck vom Nachmittag:
„Ich war sehr begeistert von der Idee, der technischen Umsetzung und dem Engagement von Klaus und Alex. Beide werkelten schon fleißig in der Küche und es roch phantastisch nach griechischem Essen, als ich ankam. Als dann die ersten Seniorinnen und Senioren eintrafen, wurden sie herzlich empfangen und es entstanden sofort Gespräche. Einfach schön, wenn ältere Menschen zu einem gemeinsamen Essen zusammenkommen, sich austauschen und dann noch gemeinsam virtuell nach Griechenland reisen.“
— Sabine Daubitzer, RETLA e.V. —
Dass RETLA e.V. den Nachmittag vor Ort begleitete, markiert für senior-vision e.V. einen wichtigen nächsten Schritt. Die entwickelten Formate werden damit nicht nur als einzelne Veranstaltungen sichtbar, sondern als praxiserprobte Ansätze, die auch für fördernde Partner, Einrichtungen und weitere Kooperationen anschlussfähig sind.
Ein Format mit praktischer Reife
Der Themennachmittag Griechenland war mehr als ein weiterer Termin im Veranstaltungskalender. Er zeigte exemplarisch, wie aus virtuellen Reisen tragfähige Begegnungsformate entstehen können.
senior-vision e.V. entwickelt diese Formate nicht nur theoretisch. Der Verein erprobt sie praktisch, bereitet sie selbst vor, führt sie durch, begleitet die Seniorinnen und Senioren vor Ort und wertet die Erfahrungen anschließend aus. Dadurch entsteht ein Wissen, das über die einzelne Veranstaltung hinausgeht: Welche Inhalte eignen sich? Wie viele VR-Brillen werden benötigt? Wie viel Vorbereitung ist realistisch? Welche Speisen lassen sich gut einbinden? Wie bleibt die Technik im Hintergrund? Wie entsteht aus einem Programmpunkt echte Begegnung?
Diese Erfahrungen fließen inzwischen in strukturierte Formatbeschreibungen, Ablaufhilfen und Materialien ein, die senior-vision e.V. seinen Partnern im geschützten Bereich der Vereinswebseite zur Verfügung stellt. Dort werden die Formate so aufbereitet, dass auch andere Einrichtungen, Begegnungsstätten und Organisationen daran anknüpfen können.
Das Haus der Senioren in Ottobrunn ist dabei ein wichtiger Praxispartner. Hier wurden bereits mehrere Formate umgesetzt und weiterentwickelt. Die Zusammenarbeit zeigt, wie wichtig ein vertrauter Ort, eine erfahrene Leitung und ein eingespieltes Miteinander sind, damit digitale Erlebnisse nicht fremd oder technisch wirken, sondern in bestehende Begegnungsarbeit eingebettet werden können.
Übertragbar auf weitere Einrichtungen
Viele Begegnungsstätten, Seniorenheime und Organisationen stehen vor ähnlichen Fragen: Wie lassen sich Teilhabe, Erinnerung, Kultur und Begegnung auch für Menschen ermöglichen, die nicht mehr mobil sind? Wie können digitale Möglichkeiten sinnvoll eingesetzt werden, ohne dass die Technik im Mittelpunkt steht? Und wie können solche Angebote auch dort entstehen, wo Budgets begrenzt sind?
Der Nachmittag im Haus der Senioren zeigte eine mögliche Antwort. Nicht als starres Modell, sondern als übertragbares Prinzip: ein vertrauter Raum, ein klares Thema, sorgfältig ausgewählte immersive Inhalte, passende Musik, einfache Technik, eine sinnliche kulinarische Rahmung und ausreichend Zeit für Gespräche.
So entsteht kein Konsumangebot, sondern ein Begegnungsformat.
Gerade darin liegt die Reife, die senior-vision e.V. inzwischen erreicht hat. Aus einzelnen VR-Erlebnissen sind strukturierte Formate geworden, die praktisch funktionieren, dokumentiert sind und von Partnern aufgegriffen werden können. Die Begleitung durch RETLA e.V. macht sichtbar, dass diese Arbeit nun auch in einen fördernden Kontext hineinwachsen kann.
Ein Nachmittag, der nachwirkte
Am Ende des Nachmittags löste sich die Runde nicht abrupt auf. Bei Kaffee und griechischem Joghurt wurde weitergesprochen. Manche Gäste wollten eigene Griechenlandfotos wieder ansehen. Andere tauschten Rezepte aus oder machten sich zu einem kleinen Spaziergang auf, um das Erlebte nachwirken zu lassen.
Gerade dieses ruhige Ausklingen zeigte, was ein solches Format leisten kann. Es endet nicht mit dem Abnehmen der VR-Brille. Es wirkt weiter — in Erinnerungen, Gesprächen, Bildern, Geschmack und dem Gefühl, noch einmal gemeinsam unterwegs gewesen zu sein.
Der Griechenland-Nachmittag im Haus der Senioren war damit nicht nur ein gelungenes Erlebnis. Er war ein Praxisbeleg dafür, dass multisensorische VR-Formate in der Seniorenarbeit tragfähig, übertragbar und anschlussfähig für weitere Partner sind.






