Gemeinschaft erleben – neue Welten entdecken
Wie sich immersive Erlebniswelten ganz selbstverständlich in das Sommercamp der AWO Stiftung „Chancen geben“ einfügten
„Die ist ja noch schneller als die andere! Das musst du dir unbedingt anschauen!“
Mit leuchtenden Augen reicht ein Teilnehmer die Brille an seinen Nachbarn weiter. Noch wenige Augenblicke zuvor hatte er gespannt verfolgt, wie sich die Achterbahn langsam den ersten Anstieg hinaufbewegte. Meter für Meter öffnete sich der Blick über die Landschaft. Vor ihm lag plötzlich die gesamte Strecke – der steile erste Absturz, enge Kurven und rasante Richtungswechsel. Noch bevor der Wagen in die erste Abfahrt eintauchte, war ihm die gespannte Vorfreude anzusehen. Wenige Sekunden später wich die Anspannung lautem Lachen. Jetzt möchte er dieses Erlebnis am liebsten sofort weitergeben.
Ringsherum wird gelacht, verglichen und diskutiert. Welche Fahrt war die spannendste? Welche Strecke sorgte für den größten Nervenkitzel? Eine Teilnehmerin erzählt ihrer Betreuerin begeistert von einem Schlosspark, den sie gerade besucht hat – obwohl diese dieselben Aufnahmen längst kennt. Es geht nicht darum, etwas Neues zu berichten. Die Eindrücke wollen weitererzählt werden.
Wer diese Szene beobachtet, würde kaum vermuten, dass dies erst der zweite Tag des AWO-Sommercamps 2026 in Siegen ist. Noch wenige Tage zuvor hatten Astrid Kotlan, Leiterin des Sommercamps, und Klaus Martin Hecht, Vorsitzender von senior-vision e.V., die letzten Absprachen für den Einsatz der immersiven Erlebniswelten getroffen. Beide waren sich einig, behutsam zu beginnen. Niemand konnte vorhersagen, wie die Teilnehmenden auf diese neue Form des gemeinsamen Erlebens reagieren würden. Der Dienstag sollte deshalb dem vorsichtigen Kennenlernen dienen. Erst danach wollte man entscheiden, ob weitere Erlebnisrunden folgen würden.
Schon nach wenigen Stunden zeigte sich: Aus diesem vorsichtigen Einstieg würde weit mehr entstehen.
Ein neues Angebot in einer gewachsenen Gemeinschaft
Seit vielen Jahren lädt die AWO-Stiftung „Chancen geben“ Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen zu ihrem Sommercamp nach Siegen ein. Kreative Workshops, Sport, Tierbegegnungen, Fotoprojekte und gemeinschaftliche Aktivitäten prägen diese Ferienwoche ebenso wie unzählige Gespräche und Begegnungen. Bereits zum Auftakt sorgte ein Zauberer für staunende Gesichter und beste Stimmung.
Die immersiven Erlebniswelten von senior-vision e.V. sollten dieses bewährte Konzept nicht verändern. Sie reihten sich vielmehr als weiteres freiwilliges Angebot ganz selbstverständlich in die vielfältigen Erlebnis- und Kreativangebote des Sommercamps ein.
Genau darin lag ihre besondere Stärke: Sie wollten nicht im Mittelpunkt stehen, sondern Menschen neue Erfahrungen ermöglichen – Erfahrungen, die im Alltag häufig unerreichbar bleiben. Eine Reise durch ferne Landschaften, der Blick vom Gipfel eines Berges, eine rasante Achterbahnfahrt oder der Besuch außergewöhnlicher Orte wurden plötzlich unmittelbar erlebbar.
Mit Neugier beginnt jede Reise
Am Dienstagnachmittag begann die erste gemeinsame Erlebnisrunde bewusst ruhig. Statt Geschwindigkeit standen zunächst virtuelle Reisen durch Landschaften und Städte im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden sollten Zeit bekommen, sich an diese neue Form des Erlebens zu gewöhnen. Niemand wurde gedrängt – jeder entschied selbst, ob und wie lange er die Brille aufsetzen wollte.
Die anfängliche Zurückhaltung hielt jedoch nicht lange an. Schon am nächsten Morgen war die Neugier deutlich gewachsen.
Während einige unbedingt noch einmal hoch hinaus wollten und sich auf eine rasante Fahrt oder einen virtuellen Fallschirmsprung freuten, zog es andere an ganz andere Orte.
Eine Teilnehmerin verweilte lange in einem historischen Schlosspark. Ihr Blick ruhte auf dem glitzernden Springbrunnen, hinter dem sich das imposante Schloss erhob. Anschließend wollte sie weitere Schlossanlagen entdecken. Ein anderer begeisterte sich weniger für Geschwindigkeit als für Tiere. Kühe, Elefanten oder Kamele sorgten bei ihm für sichtbare Freude.
Andere entschieden sich für einen Blick hinter die Werkstore einer modernen Möbelproduktion – auch hierfür standen eigens vorbereitete 360°-Aufnahmen zur Verfügung. Gerade diese unterschiedlichen Interessen machten den besonderen Reiz aus. Jeder fand seinen eigenen Lieblingsort.
Aus vorsichtiger Planung wurde echte Begeisterung
Eigentlich war zunächst nur eine erste Erlebnisrunde vorgesehen. Die weiteren Termine sollten sich danach richten, wie das Angebot angenommen würde. Schon nach den ersten Rückmeldungen war klar, dass dieser Plan nicht lange Bestand haben würde.
Die Resonanz war so positiv, dass bereits am Mittwoch- und Donnerstagvormittag weitere Gruppen angeboten wurden. Einige Teilnehmende entschieden sich sogar zwei- oder dreimal bewusst für die immersiven Erlebniswelten – obwohl ihnen gleichzeitig zahlreiche andere Aktivitäten offenstanden.
Hundetraining, Kreativangebote, ein Erste-Hilfe-Kurs, Sport, Fotoprojekte oder gemeinsame Ausflüge boten während der gesamten Woche abwechslungsreiche Alternativen. Gerade deshalb war diese Entwicklung so bemerkenswert.
Die neuen Erlebnisangebote verdrängten nichts. Sie wurden Teil des bestehenden Programms und fügten sich selbstverständlich in den Tagesablauf ein.
Astrid Kotlan fasst diese Entwicklung treffend zusammen:
„Die VR-Erlebnisformate waren eine wundervolle Ergänzung und Bereicherung für unser AWO-Sommercamp 2026. Besonders beeindruckt hat mich die Resonanz der Teilnehmenden. Sie haben sich mit großer Begeisterung darauf eingelassen, ihre Umgebung für einen Moment ausgeblendet und sind ganz in den virtuellen Erlebniswelten aufgegangen.“
Erlebnisse, über die man sprechen möchte
Besonders eindrucksvoll war nicht nur das Erleben selbst. Ebenso spannend war das, was danach geschah. Nach den einzelnen Erlebnisrunden blieben viele noch lange zusammensitzen. Es wurde erzählt, gelacht und verglichen. Welche Fahrt hatte am meisten begeistert? Welcher Ort war besonders eindrucksvoll? Welche Reise wollte man als Nächstes unternehmen?
Die Gespräche drehten sich kaum um die Technik. Nur vereinzelt entstand Interesse daran, wie die Brillen funktionierten oder ob sich solche Erlebnisse auch zu Hause nutzen ließen. Für die meisten spielte das schon nach kurzer Zeit keine Rolle mehr. Entscheidend war nicht, wodurch die Eindrücke entstanden waren, sondern was sie auslösten.
Die immersiven Erlebniswelten schufen keinen Rückzug. Sie wurden zum Gesprächsanlass und damit zu einem selbstverständlichen Teil des gemeinsamen Miteinanders.
Virtuelle und reale Erlebnisse ergänzten sich
Gerade in der zweiten Wochenhälfte wurde deutlich, wie selbstverständlich sich die immersiven Erlebniswelten in den Tagesablauf des Sommercamps einfügten. Während die Erlebnisrunden jeweils am Vormittag stattfanden, warteten am Nachmittag bereits die nächsten gemeinsamen Aktivitäten. Am Mittwoch führte eine Ziegenwanderung die Gruppe hinaus in die Natur. Dabei entstanden zugleich neue 360°-Aufnahmen, die künftig auch anderen Menschen einen authentischen Eindruck dieser besonderen Begegnungen vermitteln können.
Am Donnerstag standen unter anderem das Gestalten von T-Shirts, eine sommerliche Fotostation und ein Bewegungsprogramm in der Turnhalle auf dem Programm. Zwei Teilnehmende luden Klaus Martin Hecht spontan ein, mitzumachen – eine Einladung, die er gerne annahm und die beispielhaft zeigte, wie selbstverständlich er inzwischen Teil der Gemeinschaft geworden war.
Der Freitag gehörte schließlich dem gemeinsamen Abschluss der Woche. Zwei Alpakas sorgten noch einmal für viele schöne Begegnungen, bevor die gestalteten T-Shirts, Bastelarbeiten und Erinnerungsfotos verteilt wurden und die Heimreise begann.
Die immersiven Erlebniswelten standen dabei nie in Konkurrenz zu den anderen Angeboten. Sie ergänzten das abwechslungsreiche Programm und bereicherten die Ferienwoche um eine weitere Form gemeinsamen Erlebens.
Begegnungen, die in Erinnerung bleiben
Was von dieser Woche bleibt, sind nicht in erster Linie die virtuellen Reisen oder die beeindruckenden Bilder. Es sind die Begegnungen zwischen den Menschen.
Nach der ersten Erlebnisrunde entwickelte sich auf der Terrasse schnell ein ungezwungenes Gespräch. Woher kam der Gast von senior-vision e.V.? Wie lange würde er bleiben? Welche Erlebnisse hatte er noch mitgebracht? Ein Teilnehmer bat schließlich sogar um ein gemeinsames Foto.
Auch die Betreuerinnen und Betreuer begegneten den neuen Erlebnisformaten mit großer Offenheit. Immer wieder ergaben sich Gespräche über ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. Einige nutzten selbst die Gelegenheit, die Brille auszuprobieren und gewannen so einen eigenen Eindruck von dem, was die Teilnehmenden zuvor erlebt hatten.
Besonders bewegend wurde der gemeinsame Grillabend am Donnerstag.
Zwischen vielen Gesprächen, Lachen und gemeinsam verbrachter Zeit sagte ein Teilnehmer schließlich einen Satz, der den Charakter dieser Woche wohl treffender beschreibt als jede Zusammenfassung: „Jetzt sind wir alle Freunde.“
Es war kein geplanter Programmpunkt und kein offizielles Schlusswort. Es war ein spontaner Satz, der zeigte, wie selbstverständlich Gemeinschaft in diesen Tagen entstanden war.
Mehr als eine Ferienwoche
Als sich das Sommercamp am Freitag dem Ende zuneigte und die Koffer gepackt waren, blieb zwischen vielen herzlichen Verabschiedungen noch eine einfache Frage im Raum:
„Kommst du mal wieder?“



























