Als das Licht auf dem Schinder anders wurde
Auf dem Gipfel des Bayerischen Schinders ist es ungewöhnlich still.
Knapp 1.800 Meter über dem Meer steht eine 360°-Kamera auf einem kleinen Plateau wenige Meter vom Gipfelkreuz entfernt. Ringsum ist kein anderer Mensch zu sehen. Kein Vogel ist zu hören. Die Dohlen, die sonst hier oben ihre Kreise ziehen, sind verschwunden. Die Zeit scheint still zu stehen. Nur aus der Tiefe dringt noch vereinzelt der Klang von Kuhglocken herauf – und auch er wird zunehmend leiser.
Die Berge liegen ruhig im Abendlicht. Doch das Licht verändert sich bereits.
Der Mond hat begonnen, sich vor die Sonne zu schieben. Die partielle Sonnenfinsternis ist im Gang.
Von hier oben soll jedoch nicht nur die immer stärker verdeckte Sonnenscheibe beobachtet werden. Dafür wären Teleskope oder starke Teleobjektive mit entsprechenden Filtern die naheliegenden Instrumente. Die Kamera auf dem Gipfel verfolgt bewusst eine andere Idee: Sie blickt gleichzeitig in alle Richtungen.
Eine 360°-Aufnahme macht damit beinahe das Gegenteil einer astronomischen Teleaufnahme. Sie löst das Himmelsereignis nicht aus seiner Umgebung heraus, sondern hält fest, was es mit dem gesamten Raum macht: mit den Bergen und Tälern, den Felsen und Latschen, dem Himmel und den Schatten, mit Farben, Licht und der Stimmung einer Landschaft.
Fast eine Stunde lang soll die Kamera diesen Wandel festhalten.
Doch wie kommt eine 360°-Kamera ausgerechnet an diesem Mittwochabend auf einen abgelegenen Gipfel in den Bayerischen Voralpen?
Ein bewusst gewählter Ort
Die Wahl des Bayerischen Schinders war kein Zufall.
Gesucht war ein Ort, von dem aus die tief stehende Sonne im Westen gut zu beobachten sein würde und zugleich möglichst viel Landschaft im Umfeld sichtbar blieb. Nicht allein die Sonne sollte das Motiv sein, sondern die Veränderung ihrer gesamten Umgebung.
Klaus Martin Hecht ist mit dem Schinder und der umliegenden Region bestens vertraut. Er wusste deshalb, wie sich der Gipfel öffnet und dass sich wenige Meter neben dem Gipfelkreuz eine kleine ebene Fläche für das Stativ befindet.
Auch die Abgeschiedenheit spielte eine Rolle. Anders als Gipfel, die mit einer Seilbahn oder über kurze Zustiege erreichbar sind, verlangt der Schinder einen langen Anmarsch. Die Route umfasst je nach genauer Wegführung rund 28 Kilometer und gut 1.100 Höhenmeter. An einem Mittwochabend war deshalb damit zu rechnen, den Gipfel weitgehend ungestört erleben zu können.
Ein langer und vielseitiger Weg zum Schinder
Der Aufstieg beginnt um 14:45 Uhr an der Weißach. Die Ausrüstung mit Kamera, Stativ, Stirnlampe und ausreichend Wasser ist im Rucksack verstaut. Es ist ein ausgesprochen heißer Sommertag – ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für den Beginn einer langen Bergtour.
Von der Weißach führt der Weg an der Schwaigeralm vorbei und hinein in die Lange Au. Über viele Kilometer begleitet der Sagenbach den Weg. Kleine Wasserfälle, Quellen und mit frischem Bergwasser gespeiste Tröge aus ausgehöhlten Baumstämmen gehören ebenso zu dieser Landschaft wie der schattige Bergwald.
Gegen 16:30 Uhr endet der lange Zustieg über den Forstweg. Die weitere Route führt über einen deutlich schmaleren Pfad und steigt nun durch den Wald an, bis sich gegen 18 Uhr die Landschaft über der Baumgrenze weit öffnet.
Nach dem Verlassen dieser Vegetationszone breiten sich die großen grünen Almflächen unterhalb des Schindermassivs aus. Bayerischer und Österreichischer Schinder treten nun deutlich hervor. Kühe ziehen über die Weiden, zwischen den Gräsern wachsen Enziane und Silberdisteln.
Zwischen der Rieselsbergalm auf bayerischer und der Ritzelbergalm auf Tiroler Seite führt der Weg durch die offene Grenzlandschaft. Historische Grenzsteine mit den bayerischen Rauten und dem Tiroler Adler markieren den hier abschnittsweise geraden Verlauf der Staatsgrenze.
Unterhalb der Latschen sind plötzlich die charakteristischen Pfiffe der Murmeltiere zu hören. Zwei Tiere lassen sich oberhalb ihrer Baue beobachten. Dann bleibt das offene Almgelände zurück.
Der Berg wird steiler. Latschen und zunehmend felsiges Gelände bestimmen die letzten Höhenmeter.
Gegen 19 Uhr ist der Gipfel des Bayerischen Schinders erreicht.
Ein Platz für 360 Grad
Der Ort für die Kamera ist bereits bekannt.
Etwa fünf Meter vom Gipfelkreuz entfernt liegt das kleine Plateau. Das Kreuz steht weit genug entfernt, um die Rundumsicht nicht zu dominieren, zugleich bleibt der Blick nach Westen und Südwesten frei.
Um 19:10 Uhr wird die Kamera aufgebaut.
Eine derart lange Aufnahme war für den Aufnahmekatalog von senior-vision bislang noch nicht entstanden.
Um 19:35 Uhr beginnt die 360°-Aufnahme.
Die partielle Sonnenfinsternis ist bereits im Gang – und ihre Wirkung auf Licht und Landschaft wird zunehmend spürbar.
Als sich der ganze Raum verändert
Es wird nicht plötzlich Nacht. Bei dieser partiellen Sonnenfinsternis bleibt ein Teil der Sonne sichtbar.
Der schmale Kernschatten des Mondes zieht an diesem Abend weit nördlich über Russland, anschließend über Grönland und Island und schließlich über den Nordatlantik. Erst in Spanien und einem kleinen Teil Portugals erreicht die Zone der totalen Sonnenfinsternis wieder das europäische Festland. Große Teile Europas erleben das Ereignis dagegen nur als partielle Sonnenfinsternis.
Auch die Bayerischen Alpen liegen deutlich außerhalb der Totalitätszone. Im Bereich des Bayerischen Schinders werden bei der stärksten Verfinsterung rund 89 Prozent der sichtbaren Sonnenfläche vom Mond bedeckt; die Finsternis erreicht dort eine Magnitude von etwa 0,91.
Und dennoch verändert sich die Landschaft ungewöhnlich schnell.
Das warme Licht verliert an Kraft. Die Lichtstimmung wechselt in ein kühleres Blau-Grau. Über den zerklüfteten Bergflanken verschieben sich Licht und Schatten. Die Verdunklung vollzieht sich deutlich schneller als bei einem gewöhnlichen Sonnenuntergang.
Dann wird es merklich kühler.
Vom Tegernsee her kommt eine leichte Luftströmung auf. Die Latschen beginnen, sich sanft im Wind zu wiegen. Kein Vogel ist zu hören. Die Kuhglocken aus der Tiefe werden immer schwächer.
Genau diesen Wandel hält die 360°-Kamera fest.
Von Blau-Grau zurück ins warme Licht
Die stärkste Verdunklung hält nur kurze Zeit an. Das Licht kehrt zurück, aber nicht in derselben Form. Aus dem kühlen Blau-Grau wird zunehmend ein warmes Orange. Der Wind lässt wieder nach. Für kurze Zeit wird es noch einmal etwas wärmer.
Die immersive Aufnahme erfasst den weiteren Wandel, bis die partielle Sonnenfinsternis allmählich in einen außergewöhnlichen Sonnenuntergang übergeht. Um 20:32 Uhr steht ein tiefroter, beinahe feurig wirkender Sonnenball über dem entfernten Horizont.
Der Rückweg ins Dunkel – wenn Landschaft nur noch hörbar ist
Gegen 20:45 Uhr ist die Kamera verstaut und der Abstieg beginnt.
Die steilen Passagen durch Fels und Latschen lassen sich zunächst noch im verbliebenen Abendlicht bewältigen. Gegen 21:05 Uhr führt der Abstieg erneut über die offene Fläche unterhalb des Schindermassivs.
Wenig später führt der Weg an den Almen vorbei, wo auch die Kuhherde zur Ruhe gekommen ist.
Noch einmal zeigen sich zwei unterschiedliche Lichtstimmungen: In einer Richtung stehen Bayerischer und Österreichischer Schinder bereits als dunkle Silhouetten im kühlen blauen Abendhimmel. In der anderen liegt über den Bergen noch ein schmales rötliches Band.
Dann wird die Stirnlampe eingeschaltet.
Im Wald verschwindet die Landschaft zunehmend aus dem Blick. Wo am Nachmittag Felsen, Bäume, Quellen und Wasserfälle zu sehen waren, bleibt nun nur noch der kleine Lichtkegel auf dem Weg.
Irgendwann ist wieder das Rauschen des Wassers zu hören. Der vertraute Bach wird zum Orientierungspunkt. Was beim Aufstieg Teil der sichtbaren Landschaft gewesen war, lässt sich nun nur noch hören – und verrät dennoch, wo man sich befindet.
Schließlich mündet der schmale Pfad wieder in den breiten Forstweg durch die Lange Au. Von hier folgen noch rund neun Kilometer bis zum Ausgangspunkt.
Kurz vor Mitternacht ist der Ausgangspunkt an der Weißachbrücke wieder erreicht. Noch am Parkplatz wird die 360°-Aufnahme kurz kontrolliert und es ist klar: Der besondere Moment dieses Abends ist festgehalten.
Ein seltenes Naturerlebnis immersiv festgehalten
Die umfangreichen Rohdaten werden später auf den Rechner übertragen. Allein das Rendern der knapp einstündigen 360°-Aufnahme wird rund eineinhalb Tage in Anspruch nehmen.
Die Filmsequenz bleibt bewusst in ihrer vollständigen Länge erhalten. Mit der VR-Brille lässt sich später verfolgen, wie sich Licht, Farben und Stimmung rund um den Bayerischen Schinder verändern. Anders als bei der direkten Beobachtung der partiellen Sonnenfinsternis ist dabei kein spezieller Sonnenschutz für die Augen erforderlich – der Blick kann ruhig und frei durch die aufgezeichnete Landschaft wandern.
So wird aus einem seltenen Naturschauspiel ein immersives Erlebnis, das nicht nur die teilweise verdeckte Sonne zeigt, sondern die ungestörte Natur um den Bayerischen Schinder in diesem besonderen Moment festhält.






























